![]() |
Wittener
Friedensforum |
Stellungnahmen der Bürgerrechtsorganisationen in Deutschland
Die falsche Antwort auf den 11. September:
Der Überwachungsstaat
Die Toten von New York City und Washington D.C. lagen noch unter den
Trümmern, da gaben Politiker und sogenannte Sicherheitsexperten bereits
die Devise aus, es müsse innenpolitisch gewaltig aufgerüstet
werden. Unverant-wortlicherweise suchen sie nicht nach Ursachen, sondern
bekämpfen Gewalt mit Gewalt und halten damit einen verhängnisvollen
Kreisel innen- wie außen-politisch in Schwung. Unter dem pauschalen
Titel: ³Bekämpfung des Terroris-musã schlägt Bundesinnenminister
Schily mit Hochgeschwindigkeit Maßnah-men vor, die augenscheinlich
entweder längst in der Schublade schlummerten (Abschaffung des Religionsprivilegs,
Telefonüberwachung) oder solche, die ei-ne Grauzone legalisieren sollen,
in der sich die Sicherheitsbehörden bereits praktisch bewegen ö wie
bei der informationellen Zusammenarbeit mit den Ausländerbehörden.
Kaum einer der Vorschläge hat einen konkreten Bezug zu den Anschlägen
ö außer jenem, dass sie ohne die zur Zeit bei einem Teil der Bevölkerung
vorherrschende Angst kaum durchsetzungsfähig wären. Das Aus-maß
der Planungen wird nun durch die Vorlage der Sicherheitspakete I, II und
II+ öffentlich, wobei ein Ende des Schilyâschen Aktionismus nicht
absehbar ist.
Wir, die unterzeichnenden Organisationen und Personen, halten die Gesetzent-würfe
und geplanten Maßnahmen für falsch. Die Balance zwischen staatlich
ga-rantierten Freiheitsrechten der BürgerInnen und den Eingriffsbefugnissen
des Staates darf nicht ö wie gegenwärtig ö zugunsten abstrakter Staatssicherheit
aufgehoben werden. Fast jede der vorgeschlagenen Maßnahmen greift
massiv in die Grundrechte ein. Keine aber schafft mehr Sicherheit für
die Bürgerinnen und Bürger. Im demokratischen Rechtsstaat sind
Eingriffe nach dem Motto ³irgendetwas muss geschehenã oder: ³wer nichts
zu verbergen hat, der ...ã nicht hinzunehmen. Im Gegenteil ist der Staat
bis ins Detail beweis- und darlegungspflichtig dafür, ß dass
jede einzelne Maßnahme geeignet ist, dem vorgegebenen Zweck der Terroristenabwehr
zu dienen;
ß dass nachweislich keine Mittel zur Verfügung stehen, die
unsere Grundrechte nicht oder weniger verletzen.
4/4
ß dass staatliche Maßnahmen nicht unverhältnismäßig
in die Rechte des/ der Einzelnen eingreifen.
Schon auf der ersten Stufe einer solchen Prüfung bleiben die Regierungsvor-schläge
im grundrechtlichen Filter hängen. Sie taugen praktisch nicht zur
Terrorismusbekämpfung. Sie demonstrieren, dass es den inneren Aufrüstern
darauf ankommt, Bürgerinnen und Bürger mit Hilfe einer bewusst
erzeugten Sicherheitspanik gleichzuschalten. Auf der einen Seite drängt
angeblich die Zeit, weil weitere Anschläge unmittelbar bevorstehen.
Auf der anderen Seite erfordern aber viele der Vorschläge ö wie Fingerabdrücke
in Reisepässen, Regelanfragen bei Nachrichtendiensten sowie Veränderungen
des materiel-len Strafrechts (§ 129 b StGB) ö erhebliche, teils jahrelange
Aufwendungen und könnten die ihnen zugedachte Wirkung ohnehin erst
mittelfristig entfal-ten.
Ein Großteil der Maßnahmen verletzt vor allem die ohnehin
übermäßig ein-geschränkten Grund- und Menschenrechte
der in Deutschland nicht staats-bürgerlich lebenden Menschen. Seit
Wochen stehen 3,3 Millionen in Deutschland lebende Muslime und viele andere
AusländerInnen unter Gene-ralverdacht. Universitätspräsidien
verletzen ihre Fürsorgepflichten und ge-ben pauschal Daten von Studierenden
aus islamischen Ländern preis. Schon vor den Anschlägen wurden
beträchtliche Teile unserer Bevölkerung durch Gesetze und bürokratische
Maßnahmen diskriminiert, mit Vorurteilen über-zogen und tätlich,
zum Teil mit tödlichem Ausgang, angegriffen. Bis gestern waren allerdings
meist ³nurã die ³auffälligenã Ausländer im Visier der rassi-stischen
Hetzer: Nunmehr stehen alle Fremden unter Verdacht. Da kommen alle ³Bündnisse
für Toleranzã zu spät. Wer nicht will, dass die Bundesrepu-blik
Deutschland für Nicht-Deutsche unbewohnbar wird, der/ die muss poli-tisch
gegen die Fremdenfeindlichkeit in Gesetzen und Verwaltungspraxis und in
der Gesellschaft kämpfen. Maßnahmen der inneren Sicherheit,
die sich ausschließlich gegen AusländerInnen richten und an
nationalen, ethni-schen oder religiösen Merkmalen anknüpfen,
sind grundsätzlich abzulehnen.
Die Gefahr durch Terrortrupps wird nicht durch Repression gegen Flüchtlin-ge
gebannt, die vor dem erlebten Terror aus ihren Herkunftsländern fliehen
mussten.
5/5
Die historischen Erfahrungen mit totalitären Systemen gerade in
Deutsch-land dürfen keiner neuen Weltmachtrollenrealität geopfert
werden. Im letzten Jahrhundert waren die größten deutschen Verbrecher,
auf deren Konto nicht nur zwei Weltkriege und die Vernichtung der europäischen
Juden gingen, politische und militärische Führer sowie ihre willigen
Vollstrecker in übermächtigen Staatsapparaten. Daraus zog man
nach 1945 unter anderem zwei Lehren, die drohen, vergessen zu werden: die
Trennung von Informations-/ Geheimdiensten und Polizei (sie sollte eine
neue Gestapo verhindern) und eine föderalisierte Polizei an Stelle
des Reichssicherheitshauptamtes.
Das Beispiel des Staatssicherheitsdienstes in der DDR zeigt, wie ein
die Gesellschaft insgesamt durchdringende Sicherheitskrake das Gegenteil
bewirkt. Sie löst alle Sicherheit und am Ende sogar diejenige des
Sicher-heitssystems selbst auf. Die aktuelle Situation belegt eindrücklich,
wie tö-richt, kostenreich und fehlorientiert der Wahn ist, mit geheimdienstlichen
und gewalttätigen Sicherheitsapparaten selbst die mächtigsten
Gesell-schaften nach innen und nach außen schützen zu können.
Nicht die CIA, nicht das FBI, nicht die größte Militärmacht
der Erde konnten die erste moderne Demokratie, die USA, vor den Anschlägen
warnen, geschweige denn schützen. Es ist daher falsch, wenn deutsche
und europäische Sicher-heitspolitiker ihnen auf diesem Irrweg der
milliardenschweren technologi-schen Aufrüstung folgen wollen.
In einer Welt politischer, sozialer und kultureller Widersprüche
gibt es keine einfachen Lösungen. Es gibt jedoch eindeutig falsche
Lösungen. Re-pression nach innen und außen erzeugt nur den Schein
von Sicherheit und beschert allenfalls Pyrrhussiege. Sie ist nicht nur
gegenüber der bundes-deutschen Bevölkerung unverantwortlich.
Nur die mühsame Suche nach weltweit demokratischen und sozialen Lebensverhältnissen,
welche zu-gleich den Boden von Grund- und Menschenrechten bilden, verspricht
den legitimen Sicherheitsinteressen aller Menschen gerecht zu werden.
³Der Sinn von Politik ist Freiheit.ã
Hannah Arendt
Unterzeichnende dieser Erklärung:
- Humanistische Union (HU), Vors. Dr. Till Müller-Heidelberg
- Republikanischer Anwältinnen und Anwälteverein (RAV), Vors.:
Wolfgang Kaleck
- Internationale Liga für Menschenrechte, Wahied Wahdat-Hagh,
Kilian Stein
- Strafverteidigervereinigungen, Organisationsbüro, Margarete
v. Galen, Jasper v.
Schlieffen
- Vereinigung Berliner Strafverteidiger, Rüdiger Portius
- Bürgerrechte & Polizei / CILIP, Dr. Norbert Pütter
- Deutsche Vereinigung für Datenschutz (DVD) Sönke Hilbrans
- Vereinigung Demokratischer Juristinnen u. Juristen (VDJ) Vor s. Pr
of. D r. Martin
Kutscha
- Komitee für Grundrechte und Demokratie, Spr. Prof. Dr. Wolf-Dieter
Narr
- Chaos Computer Club, Sprecher Andy Müller-Maguhn,
- JungdemokratInnen/ Junge Linke, Bundesverband, Bundesvors. Danielle
Herrmann
- JungdemokratInnen/ Junge Linke, Landesverband Berlin, Vors.: Katja
Grote
- Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär, Ralf
Siemens
- Gustav Heinemann-Initiative, Sprecher: Ulrich Finckh
- Redaktion ³ak - analyse & kritikã, Martin Beck
- Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung
(FIfF),
Eva Hornecker
- Christiane Howe, AG gegen internationale sexuelle und rassistische
Ausbeutung (agis-ra)
- Volker Eick, Mitglied im Interdisziplinären Arbeitskreis Innere
Sicherheit (AKIS), Arbeits-kreis
Politikfeldanalyse - Innere Sicherheit in der Deutschen Vereinigung
für Politikwis-senschaft
- Jan Schallaböck, Ralf Bendrath, Netzwerk Neue Medien
- Petra Isabel Schlagenhauf, Rechtsanwältin, Berlin