DFG-VK Gruppe WittenAm 5. Februar 1985 verabschiedete ich mich von meinen Eltern, verließ
das Haus, nahm den Bus ins Militärcamp und verwandelte mich in einen
Soldaten.
Genau 17 Jahre später sehe ich mich in einer unerbittlichen Konfrontation
mit der Armee, während die breite Öffentlichkeit mich und meine
Gefährten angreift. Die Rechten bezeichnen mich als Verräter,
der den Heiligen Krieg vor den Toren Israels scheut. Das politische Zentrum
zeigt rechthaberisch mit dem Finger auf mich und hält mir vor, die
Demokratie zu schwächen und die Armee zu politisieren. Und die Linke?
Die moderate, etablierte Linke, die gestern noch um meine Stimme warb,
wendet mir ebenfalls den Rücken zu.
Viel wird darüber gesprochen, was legitim ist und was nicht. Fast
niemand stellt die entscheidende Frage: Warum steht da jemand plötzlich
auf und sagt, ich spiele das Spiel nicht mehr mit?
Unsere Eltern stöhnen: Wir haben sie blamiert. Sie haben uns doch
erzogen. Universelle Ethik und Frieden und Freiheit und Gleichheit für
alle auf der einen Seite, und auf der anderen: "Die Araber wollen uns ins
Meer werfen. Sie sind alle gewalttätig und primitiv. Man kann ihnen
nicht vertrauen." Auf der einen Seite die Lieder von John Lennon, Pete
Seeger, Bob Marley und Pink Floyd. Über Frieden und Liebe, gegen Militarismus
und Krieg. Und dann die andere Melodie: Lieder über freundliche Soldaten,
die in der untergehenden Sonne auf dem Panzer sitzen: "Der Panzer gehört
euch und ihr gehört uns."
Als ich eingezogen wurde, war ich kein Enthusiast und freute mich nicht
auf einen Dienst voll von Mut und Opfersinn. Wenn sich ein 19-Jähriger
statt in Heiliger Mission in einer Lage wiederfindet, in der er die Würde
von Menschen mit Füßen treten muss, darf er - so will es doch
unsere Gesellschaft - nicht fragen, ob das verkraftbar ist? Er soll so
handeln wie alle anderen auch und sich auf das Wochenende freuen.
Daran gewöhnt man sich schnell. Manche lernen es sogar, diese
Situation auszukosten. Wie, wenn nicht als Soldat, kann man wie ein König
durch die Straßen gehen, Passanten belästigen und beleidigen
und sich zugleich wie ein Held fühlen, der das Land verteidigt? Die
Expeditionen in den Gaza-Streifen wurden zu Heldengeschichten - eine Quelle
des Stolzes für unsere Giv´ati Brigade, damals noch eine junge
Einheit, die kaum beachtet wurde.
Lange konnte ich mit Heroismus nichts anfangen. Aber dann, als ich
später Leutnant wurde - ohne nachzudenken verwandelte ich mich in
den perfekten Besatzungsoffizier. Ich legte mich mit Menschen an, die nicht
genug Respekt zeigten. Ich habe die persönlichen Dokumente von Männern
zerrissen, die so alt waren wie mein Vater. Ich schlug zu. All das passierte
kaum mehr als drei Meilen entfernt vom Haus meiner Großeltern. Nein,
ich war keine Ausnahme, ich war der Regelfall.
Nachdem ich meine Militärzeit beendet hatte, begann die erste
Intifada. Ofer, ein Kamerad aus meiner Brigade, der in der Armee blieb,
ist ein Held geworden. Er kommandierte eine Einheit, die einen palästinensischen
Demonstranten in einen dunklen Orangenhain schleppte und ihn dort zu Tode
schlug.
Wie sich später herausstellte, war Ofer der Hauptverantwortliche
für diese grausame Tat. Schließlich musste er zwei Monate ins
Gefängnis und wurde aus der Armee entlassen - die härteste Strafe,
die ein israelischer Soldat während der ersten Intifada zu befürchten
hatte, als etwa tausend Palästinenser getötet wurden. Ofers Kommandeur
Efi Itam sagte vor dem Militärgericht, dass es den Befehl von oben
gab - körperliche Misshandlung galt als legitime Bestrafung. Er hatte
bei vielen Gelegenheiten diese Behandlung von Arabern miterlebt, aber selbst
nie den Befehl dazu gegeben. So wurde er auch nicht bestraft. Im Moment
ist er dabei, sich ein neues Leben in der Politik aufzubauen und der Öffentlichkeit
Lektionen über moralisches Verhalten zu erteilen. Während der
jetzigen Intifada wird die Mehrzahl solcher Vorfälle nicht einmal
mehr untersucht. Das interessiert niemanden.
Während meiner ersten Dienstzeit hatte ich geglaubt, dass es jemanden
gibt, der sich um die Dinge kümmert. Jemand, der mehr weiß als
ein unbedarfter Junge wie ich. Ich hatte geglaubt, selbst wenn uns Politiker
manchmal nicht gefallen, so ist doch die Armee stets da, uns Tag und Nacht
zu beschützen - jede Entscheidung Resultat heiliger Notwendigkeit.
Doch ich musste allmählich begreifen, dass meine beiden Wertesysteme
nicht mehr ineinander greifen.
Aus heiterem Himmel wurde ich dann zum ersten Mal als Reservist für
die besetzten Gebiete eingezogen. Der Kommandeur meiner Einheit beruhigte
mich: Wir würden einen Außenposten oberhalb des Jordan beziehen.
Kontakt mit der Bevölkerung sei nicht zu erwarten. Und so fügte
ich mich, während einige meiner Freunde am Grenzübergang an der
Damia Bridge ihren Dienst taten.
Das war zu jener Zeit, als 1990 kurz vor dem Golfkrieg viele Palästinenser
aus Kuwait in die besetzten Gebiete flohen. Die Reservisten amüsierten
sich, wenn die weiblichen Rekruten, die am Grenzübergang stationiert
waren, Unterwäsche und Babykleidung der Palästinenserinnen durchwühlten,
um nach Sprengstoffen zu suchen. Ich dachte damals, Reservesoldaten sind
gelassener, humaner, nicht aggressiv.
Solche Eindrücke wurden Jahre später erschüttert, als
ich drei Wochen mit einer berühmten Aufklärungseinheit verbrachte.
Da wurde mir klar, dass sich ein Reservist durchaus in einen hässlichen
Macho verwandeln kann. Während der Busfahrt zum Gaza-Streifen wetteiferten
die Soldaten um die beste, also für einen betroffenen Palästinenser
tödliche Heldengeschichte. Wachdienst zu tun, war das Einzige, was
ich ertragen konnte. Und so fragte ich den zuständigen Offizier, ob
er mich allein dafür einsetzen könne. So begann eine Routine,
an der sich wochenlang nichts änderte. Ich habe mich verschanzt. Ich
habe versucht, meine Seele zu retten und war an abscheulichen Taten nicht
direkt beteiligt, doch ich ermöglichte sie, weil ich für andere
Wache schob.
Warum habe ich mich damals nicht schon komplett geweigert? Ich weiß
es nicht. Es war wohl der Druck, sich konform verhalten zu wollen.
Die Armee hat stets behauptet: "Während der ersten Intifada waren
wir zu nett. Hätten wir damals in den ersten Tagen Hundert getötet,
wäre es anders gekommen." Heute ist es den Kommandeuren erlaubt, so
zu handeln, wie sie es für richtig halten. Schon Ehud Barak hatte
ihnen freie Hand gelassen. Shaul Mofaz, der heutige Generalstabschef, nutzt
diesen Blankoscheck, um das Blutvergießen auf die Spitze zu treiben.
Mittlerweile habe ich zwei Söhne, und ich weiß, niemand
wird dafür sorgen, dass sie nicht auch in den besetzten Gebieten Dienst
tun müssen. Ich werde ihnen in die Augen sehen und erklären müssen,
was ich getan habe.
Als die jetzige Intifada vor anderthalb Jahren begann, war mir klar,
dieses Mal gehe ich nicht. Das war zunächst eine Entscheidung im Verborgenen.
Aber dann, als der Wahnsinn, der Hass, die Zahl der Toten wuchsen, als
Generäle die israelische Armee in eine Terrororganisation verwandelten,
musste meine stille Entscheidung öffentlich werden: "Wenn ihr alle
nicht seht, dass hier ein großes Verbrechen stattfindet, dann seid
ihr blind, nicht ich!"
Und dann entdeckte ich so etwas wie das Leben auf einem anderen Planeten:
Ich war nicht allein!
Dennoch verstehe ich, weshalb die meisten über uns verärgert
sind. Wir haben die schöne Ordnung der Dinge durcheinander gebracht.
In Israel hat man sich daran gewöhnt, dass die Rechte exklusiv über
Fragen von Leben und Tod entscheiden kann. Rolle der Linken dagegen ist
es: Im Lehnstuhl zu sitzen, Wein zu trinken und auf den Messias zu warten
- auf dass er mit seiner Zauberkraft all die Bösen, die Rechten, die
Siedler, die Araber, das Wetter, den ganzen Mittleren Osten verschwinden
lassen möge. So sollte die Welt funktionieren. Warum bringst du sie
durcheinander, du dummer Junge?
Aber ihr habt alle nicht aufgepasst. Der Messias war schon da. Mitten
in der Schlacht hat man ihn fallen lassen. Er ist ermordet worden. Zusammen
mit uns allen - mich eingeschlossen -, die wir in unseren Lehnstühlen
bequem saßen. Also lasst das dumme Spiel. Der Messias kommt nicht
zweimal.
Wir sind wie die jungen Chinesen, die sich vor die Panzer stellten.
Übersetzung aus dem Englischen von Hans Thie
Asaf Oron, Oberleutnant in der Giv´ati Brigade, gehört zu
den inzwischen 256 israelischen Soldaten, die den Dienst in den besetzten
Gebieten verweigern. Oron war einer der ersten, die ihre Aktion explizit
begründeten
Freitag: Die Ost-West-Wochenzeitung 8.3.2002