Wittener
Friedensforum
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Günter Gaus

Bewusstseins-Raketen

DER KRIEG IN AFGHANISTAN UND DER VERLUST AN  URTEILSKRAFT

Wenn aus Meinungsmachern Stimmungskanonen werden

Die einstigen Bürgerrechtler der DDR, die jetzt öffentlich mitteilten,=   dass sie es "satt haben", was der politische Apparat des  vereinigten Deutschland, Bundeskanzler, Minister, Parlamentarier,  mehrheitlich den Regierten dreist zumutet - diese Bürgerrechtler  leisten mit ihrer Empörung, mit ihrem Wutschrei einen wichtigen  Beitrag zur inneren Einheit: Sie sind nun endgültig im Westen  angekommen, denn sie machen sich über den bedenklichen,  teilweise schon miserablen Zustand des real existierenden  Pluralismus keine Illusionen mehr. In einer Eigenheit freilich sind  die Frauen und Männer, deren Zivilcourage erprobt ist, ihrem  herkömmlichen Verhalten treu geblieben. Sie sind mit ihrer Kritik  wiederum Dissidenten, Abweichler vom herrschenden Standpunkt.

Dass sie es sind, werden sie daran erkennen, wie begrenzt die  =D6ffentlichkeit ist, die sie finden. Das sind sie gewohnt aus den  Zeiten, in denen die Mehrheit der Menschen in der DDR den Kopf  noch nicht aus ihrer Nische steckte. Ich habe einst aus der nahen  Beobachtung beider deutscher Nachkriegsstaaten als Erkenntnis  gewonnen: Das öffentliche Bewusstsein in der DDR, abseits der  parteiamtlichen Verlautbarungen, glich gewöhnlich einem  Schwelbrand. Es loderte nicht hell, züngelte nur einmal hier,  einmal dort, aber es war schwer zu ersticken. Im Vergleich dazu  war das öffentliche Bewusstsein der BRD raketengleich: die  Rakete schießt hoch, macht einen leuchtenden Schein, verpufft in  glitzernden Sternen - und gleich danach ist es wieder ganz dunkel.

Aber heutzutage können jene Dissidenten, die sich nun als solche  in der BRD zu Wort gemeldet haben, wohl nicht einmal auf ein  kleines Feuerwerk rechnen. Vielleicht jedoch auf den Effekt eines  Schwelbrands? Mehr Hoffnung ist kaum geblieben. Für höhere  Erwartungen ist Einheitsdeutschland inzwischen der  entschwundenen DDR in manchen herrschaftsdienlichen Praktiken  zu ähnlich geworden. Was noch fehlte, besorgt jetzt Otto Schily,  der in seiner Entwicklung zum Polizeiminister wie eine  Balzac´sche Romanfigur erscheint.

Die publizierte Meinungsvielfalt beispielsweise, im Kalten Krieg  immer ein wesentlicher Vorzug des Westens neben dem  materiellen Vergleich mit dem Osten, ist seit einiger Zeit schon  dürftiger geworden. Die Anpassung ans Vorherrschende ist  gewachsen in der Meinungsbranche. Der wallende Zwang ist nach  außen unauffälliger, als er in der DDR gewesen ist. Aber wenn die  Betroffenen sich einmal in einer schwachen Stunde über ihre Lage  äußern, so haben mir Gespräche deutlich gemacht, dann sind ihre  Begründungen und ihre Selbsttäuschungen in der Regel zynischer  grundiert, als sie es unter ihren Kollegen in der DDR waren. Dabei  bleiben natürlich die pluralistischen Eigentumsverhältnisse noch  einigermaßen gewahrt und auch das weit gehende Recht auf mehr  oder weniger unterschiedliche Formulierungen der selben Meinung.  Es lebe der kleine Unterschied.

Jetzt freilich, nach dem 11. September, wird gelegentlich aus der  gebrechlicher gewordenen Vielfalt gar eine schlichte Einfalt. Dieser  Tage war in der Hauptnachrichtensendung des ZDF zu hören: "Am  9. Oktober haben die Amerikaner begonnen, die Taleban und die  Terroristen zu bombardieren, und schon am dritten Advent ist  Afghanistan ein befreites Land." Und diese Dummheit steht als  journalistische Freiheit unter dem Schutz des Grundgesetzes.

Wenn aus Meinungsmachern in gewichtigen Medien durch  zweckbestimmte Bewusstseinsverweigerung oder aus Lust am  Aufenthalt ihres Verstandes in der Trompete oder in manchen  Fällen aus Anhänglichkeit an Geheimdienste, die in der Regel  wenig wissen, aber viel Einfluss nehmen, Stimmungskanonen  werden - dann ist Krieg. Aber was erklärt, warum Milzbrand schon  ebenso in Vergessenheit geraten ist wie Anthrax?

Falls große deutsche Zeitungen noch immer ihre Briefeingänge auf  verdächtige Spuren kontrollieren lassen, eine verständliche  Maßnahme, was hindert sie dann an der Einsicht, dass ihre Leser  womöglich gern wüssten, ob die Anthrax-Attacken inzwischen als  Schurkenstreich al-Qaidas erwiesen sind oder von US-Bürgern, die  fanatische Arier sind, angezettelt wurden? Oder was es sonst  damit auf sich gehabt hat. Die überfällige Antwort auf eine  journalistisch pflichtgemäße Nachfrage an die zuständigen Stellen,  bitte, in gleicher Größe auf Seite 1, wie vor ein paar Wochen die  täglichen Terrormeldungen.

Ist es der unerklärte, aber in Afghanistan schon ziemlich heftig  geführte Weltkrieg, der vierte, wenn man den Kalten Krieg mitzählt,  der das weitgehende Medienverstummen in dieser Sache  bestimmt? Schwächt Aufklärung die Agitation und Propaganda?  Hat der - zum Teil hysterisch selbst erzeugte - Verlust an faktisch  angemessener Urteilskraft über den 11. September und dessen  Folgen ein Bedürfnis nach Vergesslichkeit, nach der medialen  Vermittlung eines Lebensgefühls von Tag zu Tag erweckt? Verglüht  die Bewusstseinsrakete nun noch schneller als bisher üblich? Dies  würde das Manipulieren weiter erleichtern.

Den Deutschen blüht nun wieder, selbstzufrieden wird es  verkündet, die Normalität herkömmlicher Machtpolitik. Der  Unerfahrene oder der Unbarmherzige - im Blick auf die  gewöhnlichen Opfer dessen, was nach aller historischen Erfahrung  normal ist - mag das begrüßen. Die Rückkehr, in Jugoslawien  begonnen, in Afghanistan fortgesetzt, ideologisch und agitatorisch  in der Berliner Republik fast schon abgeschlossen, zum Glück  noch ohne blutigen Tribut - diese Rückkehr war nach einer  gewissen Erschöpfungspause nach 1945 unvermeidlich, war  sozusagen menschlich vorgegeben. Nun, ein halbes Jahrhundert  nach dem letzten Kriegsende der Deutschen, wollen die  Nachgewachsenen mehrheitlich wohl nicht länger abseits stehen in  der praktizierten Geschichtsmächtigkeit, die von den  historisierenden Sinndeutern jeweils bis zum bitteren Ende als  Selbstverwirklichung erklärt wird.

Aber müssen wir bei unserer Rückmeldung zum Krieg auch gleich  wieder im Tonfall übertreiben? Wahrscheinlich steckte hinter  Schröders Floskel von "uneingeschränkter Solidarität" mit den USA  nicht mehr als sein oft unbedachter Sprachgebrauch, der etwas Selbstverständliches - Solidarität - durch eine überflüssige Bekräftigung, zunächst nicht bedeutungsvoller als das laute Anpreisen eines Sonderangebots, zu einer selbst  gestellten politischen  Falle hat werden lassen. Oder macht die Normalität aus den Deutschen nun sozusagen Normopathen, die damit dann wieder aus der europäischen Normalität herausfallen?

Die US-Amerikaner, in ihrer Psyche tief verletzt, verbinden derzeit eine Skalpjagd mit einem Krieg,  der im Laufe möglichst kurzer Zeit allenthalben aufräumen soll mit den Resten einer Weltordnung, die noch von zwei Mächte n gestaltet worden ist. Die Europäer werden wohl, wie ihre Politik nach = dem Schock vom 11. September beschaffen war, an der afghanischen Etappe des amerikanischen Kriegs auf unabsehbare Zeit teilnehmen müssen. Das Ende wird aller Wahrscheinlichkeit nach unbefriedigend sein. Die finanziellen Hilfsmittel werden kaum ausreichen, um auch nur das notdürftig wiederherzustellen, was binnen drei Monaten zerbombt wurde. Die  militärische Rolle der  UNO-Friedenstruppe wird man abenteuerlich nennen müssen. Die vorsichtige Rückwärtsbewegung Schröder s in diesem Zusammenhang wird vermutlich nichts fruchten. Und im übernächsten Bundestagswahlkampf wird Koch/Hessen mit der  Parole auftreten, dass er unsere Jungs nach Hause holen will.

Anders als im Irak wird in Somalia noch nach einem namhaften  Skalp gesucht. Europa wird früh genug, also schnell, sein weiteres  Verhältnis zu den USA mit dem Ziel einer abgestuften  Partnerschaft verdeutlichen müssen. Es tut der Welt nicht gut,  wenn die einzig verbliebene imperiale Macht auf keinerlei  freundschaftlichen Widerspruch mehr stößt; auf Dauer ist das auch  der Macht selber nicht bekömmlich. Aber ein de Gaulle ist vorerst  nicht in Sicht.

Freitag Nr. 52 vom 21.12.2001