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Wittener
Friedensforum |
Was kann man tun - Aspekte einer Friedenspolitik
(Joachim Schramm)
Referat auf der Veranstaltung des Wittener Friedensforums vom 12.11.02
Wir haben bis jetzt gehört, welche weitreichenden, kriegs- und
gewaltfördernden und antidemokratische Konsequenzen die USA aber auch
Russland (Tschetschenien), die EU-Staaten (Afghanistan, Grundrechte), Deutschland
(desgleichen) und weitere Staaten aus dem 11.September 2001 gezogen haben.
Zum Abschluss will ich nun einige Gedanken vortragen, was man dagegen tun
kann, wie eine andere, eine Friedenspolitik heute aussehen könnte.
Dies will ich in drei Abschnitte unterteilen, in den Bereich, wie eine
friedensfördernde Realpolitik ohne große Umbrüche aussehen
könnte, zum zweiten, wie prinzipiell eine zivile, antimilitaristische
Außenpolitik gestaltet sein müsste und zum dritten, welche Aktivitäten
die Friedensbewegung in der nächsten Zeit unternehmen sollte, international,
bundesweit und hier in Witten.
Zum ersten: Das Eingeständnis, dass der nach dem 11. September
2001 von den USA ausgerufene ³Krieg gegen den Terrorã weder vorrangig die
Bekämpfung des Terrors zum Ziel hat noch den Terror ernsthaft einschränkt,
ist ein Schritt, der inzwischen von immer mehr relevanten Kreisen in Deutschland
und anderen europäischen Ländern nachvollzogen wird (z.B. in
diesen Tagen von der EKD-Synode). Von der deutschen Regierung wäre
daher einzufordern, ihre Truppen aus den Einsätzen im Rahmen des sog.
³Kriegs gegen den Terrorã zurückzurufen. Das jetzt beschlossene eigenständige
Vorgehen der deutschen KSK-Truppen in Afghanistan ist kein Lösungsansatz
für die Probleme in dem Land sondern trägt zur Verschärfung
der Situation bei. Alternativ müßte sich die Bundesregierung
dafür stark machen, dass die versprochenenen Wirtschaftshilfen endlich
nach Afghanistan kommen.
Zum Irak: Bereits in der ersten Irak-Resolution der UNO von 1991 wird
als Ziel internationaler Bemühungen die Schaffung einer von Massenvernichtungswaffenfreien
Region im Mittleren Osten vorgegeben. Dem Irak sein ingenieurtechnisches
Wissen über den Bau von Massenvernichtungswaffen zu nehmen, ist prinzipiell
nicht möglich. Sicherheit kann also nur die Einrichtung einer regionalen
Abrüstungs- und Kontrollregelung sein, in die aber auch die anderen
Staaten der Region einbezogen werden müssen, die ebenfalls über
atomare und andere Massenvernichtungswaffen verfügen, an erster Stelle
Israel und der Iran. In diese Richtung müsste die EU aktiv werden,
hier könnte die rot-grüne Regierung ihren Willen zu einer friedlichen
Lösung der Irak-Krise unter Beweis stellen. Hierzu gehört aber
auch, weitere Abrüstungs- und Kontrollschritte auch für die Großmächte
einzufordern, z.B. bei der jetzt stattfindenden Tagung zur B-Waffen-Konvention.
da die Frage der Massenvernichtungswaffen im Irak jedoch eigentliche nur
Vorwand und nicht Grund für die Kriegsvorbereitung ist, wäre
ein weiterer realpolitischer Schritt, diesen Sachverhalt offenzulegen,
den Mißbrauch der UNO für solche Zwecke zurückzuweisen
und dem Kriegsstreben der USA auch unter dem Deckmantel der UN-Resolution
Widerstand entgegenzusetzen.
Eine Lösung des Israel-Palästina-Konflikts ist ohne die international
unterstütze Schaffung zweier Staaten nicht denkbar. Dies darf auch
nicht noch um Jahre hinausgeschoben werden, wie es der derzeitige Plan
vorsieht. Dazu gehört auch, die Verantwortung der israelischen Regierung
und Armee für die Eskalation der Situation deutlich beim Nahmen zu
nennen und auf Israel internationalen, auch wirtschaftlichen Druck zum
Rückzug der Truppen und Abbau der Siedlungen auszuüben.
Zum zweiten: bereits zu Beginn der 90er Jahre sind die Weichen zur
Militarisierung der Westeuopäischen und auch deutschen Außenpolitik
gestellt worden. Eine alternative Friedenspolitik muss hier grundsätzliche
Korrekturen vornehmen. Eine solche Politik dürfte nicht versuchen,
den Rüstungsvorsprung der USA in Europa aufholen zu wollen, sondern
aus den Erfahrungen Europas mit zwei verheerenden Kriegen lernen. Eine
Lehre ist, dass wirtschaftliches Wachstum und sozialer Ausgleich sich unter
friedlichen Bedingungen langfristig besser entwickeln als unter den Umständen
kriegerischer Unsicherheit. Dieses Konzept der US-Politik entgegenzusetzen,
die auf kurzfristige Erfolge ihrer Machtpolitik schielt, wäre ein
Projekt alternativer Friedenspolitik. Nicht europäische Rüstungsprojekte
wie der Eurofighter oder Militärsatelliten und eine europäische
Eingreiftruppe dürfen Ziel europäischer Außenpolitik sein.
Vielmehr ist eine deutliche Abkehr von der Doktrin notwendig, weltweit
vorhandene Rohstoffreserven und Handelswege seien quasi naturgegeben dem
Zugriff der westlichen Industriestaaten auszuliefern. Eine gerechte Weltwirtschaftsordnung,
die den Menschen in allen Ländern eine gerechte Teilhabe an den Reserven
dieser Erde sichert, ist der einzige Garant für eine friedliche Entwicklung
ohne Terror und Krieg. Instrumente zur zivilen Bearbeitung von zwischenstaatlichen
und innerstaatlichen Konflikten müssen ausgebaut werden. Dazu liefert
die OSZE in Europa gute Beispiele u.a. mit ihren konfliktschlichtenden
Missionen in Osteuropa. Für Deutschland würde das konkret bedeuten,
die teuren Militärprojekte wie den Militär-Airbus oder den neuen
Transportpanzer zu stoppen. Die für weltweite Interventionen gebildeten
KSK-Truppen und Eingreifkräfte sind auszulösen, der Bestand der
Bundeswehr Schritt für Schritt weiter abzubauen, bis zu ihrer vollständigen
Auflösung. Freiwerdende Mittel könnten zur Verfügung gestellt
werden für die Ausbildung und Bereitstellung von Fachkräften
zur Zivilen Konfliktbearbeitung. Konzepte für eine andere, antimilitaristische
Friedenspolitik gibt es also genug. Was fehlt, ist der Druck auf die Regierungen,
diese umzusetzen.
Zum dritte: Was kann Friedensbewegung konkret tun. In Florenz hat die
europäische globalisierungskritische und friedensorientierte Bewegung
mit der riesigen Demo am Wochenende ein deutliches Zeichen in erster Linie
auch gegen den Irak-Krieg gesetzt. Hier gilt es anzuschließen. Für
den 15. Februar sind europaweite Demonstrationen und Aktionen vorgeschlagen
worden, also zu einem Zeitpunkt, der als möglicher Beginn eines Irak-Krieges
gehandelt wird. In Deutschland war bisher der 8. Februar als Aktionstag
im Gespräch, hier wird man sich in den nächsten Wochen abstimmen.
Vor dem Hintergrund, dass ein wichtiger Teil der amerikanischen und wohl
auch britischen Kriegsmaschinerie über Deutschland abgewickelt wird,
gibt es Pläne für Aktionen zivilen Widerstandes an der EUCOM-Kommandozentrale
in Stuttgart oder dem Militärflugplatz Ramstein in der Pfalz. In allen
Städten sind für den Tag des Beginns des Krieges sogenannte Tag-X-Aktionen
vorgesehen, Kundgebungen um möglichst rasch das Nein zum Krieg deutlich
zu machen. Aber auch im Vorfeld sind natürlich Aktionen sinnvoll,
um die deutsche Regierung an ihr Nein zum Krieg zu erinnern und auch zu
entschlosseneren Aktivitäten zu drängen.
Der Israel/Palästina-Konflikt steht im Schatten der Ereignisse
um den Irak. Hier wäre es gut, die internationale Wahrnehmung der
Ereignisse im Nahen Osten deutlich zu machen. Eine Form ist die Unterstützung
israelischer Kriegsdienstverweigerer. Eine ganze Anzahl von ihnen sitzt
zur Zeit im Gefängnis oder ist von Strafverfahren bedroht. Hier gibt
es Aufrufe zur Übernahme von Patenschaften für solche mutigen
jungen Männer.
All diese denkbaren Aktivitäten, die natürlich auch noch
ausgeweitet werden können, hängen von der Mitarbeit von friedensbewegten
Menschen auch hier in Witten ab. Das Friedensforum bietet dafür einen
Rahmen, und ich möchte schon mal jetzt, bevor wir gleich in die ausführliche
Diskussion einsteigen, einfach appellieren, unsere Arbeit zu unterstützen,
bei uns mitzumachen, in dem Rahmen in dem das jedem/jeder Einzelnen möglich
ist.