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Friedensforum
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Antwort auf das amerikanische Manifest "Gerechter Krieg gegen  den Terror"

"Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus"

Initiatoren des "Aufrufs zu einer weltweiten Koalition für Leben und  Frieden" legen eine Stellungnahme gegen den Krieg vor.
 

Prof. Dr. Dr. Hans Peter Dürr, Global Challenges Network  Heiko Kauffmann, Sprecher von Pro Asyl Prof. Dr. Mohssen Massarrat, Universität Osnabrück  Frank Uhe, Geschäftsführer der IPPNW

Berlin, Meerbusch, München, Osnabrück, den 2. Mai 2002: Mit  deutlicher Kritik am US-Krieg gegen den Terror als "Gefahr für die  Welt" und seiner Unterstützung durch amerikanische Intellektuelle,  aber auch an der Politik der "uneingeschränkten Solidarität" der  deutschen und anderer europäischer Regierungen haben sich 90  Persönlichkeiten aus Deutschland in einem Offenen Brief "Eine  Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus" zu  Wort gemeldet.

Sie reagieren damit auf das im Februar von 60 amerikanischen  Intellektuellen herausgegebene Manifest "Gerechter Krieg gegen  den Terror", den diese "zum Schutz universeller Werte" für möglich  und verantwortbar halten. Mit ihrem seit Mitte März zirkulierenden  Offenen Brief erfüllen Sie gleichzeitig den Wunsch von 150 US- Wissenschaftlern, die in einem Anfang April veröffentlichten Brief  "An Freunde in Europa" das Andere, der Kriegspolitik des US- Präsidenten kritisch gegenüberstehende Amerika zu Wort kommen  lassen und die Freunde in Europa auffordern, sich einzumischen.

Initiatoren des Offenen Briefes sind die Verfasser des im Dezember  2001 veröffentlichten "Aufrufs zu einer weltweiten Koalition für  Leben und Frieden": Prof. Dr. Dr. Hans Peter Dürr vom Global  Challenges Network München und Träger des alternativen  Nobelpreises, Heiko Kauffmann, langjähriger Sprecher und  Vorstandsmitglied von PRO ASYL, Prof. Dr. Mohssen Massarrat,  Osnabrücker Sozialwissenschaftler und Friedensforscher und  Frank Uhe, Geschäftsführer der Deutschen Sektion der  Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW),  Ärzte in sozialer Verantwortung.

Zu den UnterzeichnerInnen des Offenen Briefes gehören Prof. Dr.  Andreas Buro, Prof. Dr. Klaus Bade, Prof. Dr. Jörg Becker, Prof.  Dr. Elmar Brähler, Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Prof. Dr. Dr. Hans- Peter Dürr, Prof. Dr. Andreas Flitner, Prof. Dr. Ulrich Gottstein,  Prof. Dr. Walter Jens, Prof. Dr. Dr. Dieter S. Lutz, Prof. Dr. Dietmar  Mieth, Prof. Dr. Klaus Michael Meyer-Abich, Prof. Dr. Dr. Horst- Eberhard Richter, Prof. Dr. Dorothee Sölle, Friedrich Schorlemmer,  sowie die Autoren Carl Amery, Christoph Hein, Peter Rühmkorf,  Tilman Spengler, Günter Wallraff und weitere 70 Personen.

Bei der Vorstellung des Offenen Briefes erklärte Prof. Hans-Peter  Dürr: "Angesichts der Terroranschläge am 11. September sollten  wir in unserer Ratlosigkeit nicht den gefährlichen Weg gehen, die  Menschheit kurzerhand in die "Guten" und "Bösen" aufzuteilen,  sondern wir sollten inne halten und nach den tieferen Ursachen  dieser Wahnsinnstaten fragen. Es sind ja nicht die universellen,  von den Autoren des Manifestes "What We're Fighting for!" (Für  was wir kämpfen!) in ihrer Sprache hervorgehobenen Werte, die auf  Widerspruch stossen und die Menschen trennen, sondern dass die  Autoren die Anerkennung dieser Werte für sich pauschal in  Anspruch nehmen und sie anderen, die diese Werte anders  fassen, absprechen. Dies führt zu einem Meinungsklima, in dem  jede Kritik an der Politik der amerikanischen Regierung, ob sie nun  von US-Amerikanern oder anderen weltweit kommt, als Verletzung  dieser universellen Werte, im Widerspruch zu ihrer Bedeutung,  diffamiert wird. Dadurch wird das Manifest als ein machtpolitsches  Instrument wahrgenommen, um nach außen die Ausweitung der  wirtschaftlichen, militärischen und politischen US-Vorherrschaft zu  begründen und nach innen, um die bürgerlichen Grundrechte auf  Freiheit und freie Meinungsäußerung einzuschränken. Wir sollten  uns vielmehr überlegen, welche dauerhaften Formen echter  Kommunikation wir weltweit entwickeln können, bei denen die  Menschen wieder als Persönlichkeiten und in ihrer jeweiligen  Eigenart wahrgenommen und nicht nur als anonyme Mitglieder  eines "guten" oder "bösen" Landes in unseren Strategien  auftauchen.

Prof. Dr. Mohssen Massarrat kritisierte in seiner Stellungnahme  das risikoreiche Verhalten fundamentalistischer Eliten im Westen  wie in der islamischen Welt, weil sie "die kulturellen Werte und  religiösen =DCberzeugungen zu r Legitimierung der eigenen Politik instrumentalisieren, damit die jeweils andere Seite zum Bösen stigmatisieren und dadurch künstlich einen Kampf der Kulturen heraufbeschwören, der die wirklichen Herausforderungen wie Ar mut, globale Umweltkriege, Arbeitslosigkeit und Menschenrechtsverletzungen verdeckt". Massarrat bemängelt insbesondere "die Glaubwürdigkeit des Westens, weil dieser für Menschenrechte und Menschenwürde zweierlei Maß anleg t, wie wir durch die eindeutige Parteinahme für die aggressive Kriegspolitik Israels gerade erleben. Wie sollen andere Länder", so Massarrat, "die universelle Gültigkeit von Werten und moralischen Maßstäben des Westens er nst nehmen, wenn ausgerechnet die Verfechter dieser Werte selbst diese mit Füßen treten, sobald es ihnen opportun erscheint."

Heiko Kauffmann betonte, dass die in der "Allianz gegen den Terror" verbündeten westlichen Staaten auch nach dem 11. September noch immer falsche Prioritäten setzten: "Gemessen an den vitalen Lebens- und Sicherheitsinteressen der Menschheit im 21. Jahrhundert folgen die westlichen Regierungen noch immer einer "Realpolitik" ohne Realitätsbewusstsein. Eine Weltfriedensordnung des 21. Jahrhunderts kann nicht auf der Dominanz ökonomischer und  militärischer Machtinteressen einiger weniger Länder und des reichsten Fünftels der Erde beruhen; sie kann nur in der Verwirklichung der Lebens- und Sicherheitsinteressen der Menschen in allen Ländern begründet sein. Des halb benötigt die Politik einen Paradigmenwechsel im Sicherheitsdenken: weg von militärischer Sicherheit hin zu menschlicher Sicherheit - als Grundlage für Entwicklung, soziale Gerechtigkeit und Verwirklichung der Menschenrechte. Die Forderungen des Weltsozialgipfels 1995 in Kopenhagen und des UN-Berichts für eine Globalisierung mit menschlichen Antlitz stehen noch immer auf der Tagesordnung!"

Frank Uhe von der IPPNW wies in diesem Zusammenhang auf das Anliegen des von den Initiatoren verfassten 'Aufrufs zu einer weltweiten Koalition für Leben und Frieden' hin: "Die Ereignisse nach dem 11. September bestätigen  uns aufs Neue die in unserem 'Aufruf' begründete Notwendigkeit eines zivilgesellschaftlichen Gegengewichts. Die Parteiendemokratie ist nur noch sehr begrenzt in der Lage, die (Überlebens-)Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Eine Politik der Nachhaltigkeit, die auch zukünftige Generationen im Blick hat, ist nicht in Sicht. Stattdessen hat sich die Politik den "Sachzwängen" der neoliberalen Globalisierung, der Militarisierung der Außenpolitik und den Hegemonialbestrebungen der USA weitestgehend gebeugt. Deshalb ist eine deutliche Artikulation und Beteiligung zivilgesellschaftlicher Kräfte in einem solchen Diskurs dringend erforderlich.

Gerade weil sich die politische Klasse hinsichtlich friedenspolitischer Alternativen für Europa und der Alternativen bei allen wesentlichen Zukunftsanliegen in Schweigen hielt oder so gut wie nicht in Erscheinung tritt, sind hier nach Überzeugung der Initiatoren die Kräfte der Zivilgesellschaft - die Intellektuellen, VertreterInnen von NGOs und sozialen Bewegungen stärker den je gefragt, ein Gegengewicht zur Parteiendemokratie zu bilden und als partizipierende politische Kraft sichtbar zu machen. Nach dem gemeinsamen 'Aufruf zu einer weltweiten Koalition für Leben und Frieden" und seiner Verbreitung ist die vorliegende Stellungnahme ein weiterer Schritt in diese Richtung, dem - so Dürr, Kauffmann, Massarrat und Uhe - weitere folgen werden.
 
 

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Wortlaut des offenen Briefes "Eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens sieht anders aus" /Eine Antwort auf das Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" von 60 US-amerikanischen Intellektuellen
 
 
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Massenmord durch das terroristische Attentat am 11. September in Ihrem Land und der Krieg der USA in Afghanistan als Reaktion auf diesen Terror betrifft auch Europa, die islamische Welt und unser aller Zukunft. Es ist  uns besonders wichtig, dass weltweit unter Intellektuellen der Zivilgesellschaften über die Ursachen und Folgen dieser Ereignisse ein offener und kritischer Dialog zu ihrer Bedeutung und Bewertung stattfindet. Verstehen  Sie bitte unsere Antwort auf Ihr Manifest "Gerechter Krieg gegen den Terror" als einen Beitrag in diesem Sinne.

Für den entsetzlichen Massenmord am 11. September gibt es keine moralische Rechtfertigung. Darin stimmen wir Ihnen uneingeschränkt zu. Wir teilen auch die von Ihnen zu Grunde gelegten moralischen Maßstäbe, dass Menschenwürde, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Religion, unantastbar ist, dass das Streben nach Demokratie ein wichtiges Fundament für den Schutz der Menschenwürde, der individuellen Freiheiten, der Religionsfreiheit und d er in der UN-Charta festgelegten Menschenrechte ist.  Doch genau diese moralischen Werte, die für uns universale Gültigkeit haben, veranlassen uns, auch den Krieg, den Ihre Regierung und ihre Verbündeten, uns eingeschlossen, in der Anti-Terror-Allianz in Afghanistan führen und dem bisher über 4000 unbeteiligte Menschen, darunter viele Kinder und Frauen, zum Opfer gefallen sind, mit derselben Schärfe abzulehnen, wie wir den Massenmord an den unbeteiligten Menschen durch den Terroranschlag verurteilen. Es gibt keine universal gültigen Werte, die es erlauben, einen Massenmord mit einem weiteren Massenmord zu rechtfertigen. Der Krieg der so genannten Antiterror-Allianz in Afghanistan ist kein "gerechter Krieg" - ein unglückseliger historischer Begriff, den wir nicht akzeptieren -, er verletzt selbst die von Ihnen angeführte Bedingung "Unschuldige vor sicherem Leid zu bewahren" in krasser Form. Demokratische Staaten verfügen über  hinreichend entwickelte rechtsstaatliche Mittel, um Verbrechen innerhalb ihres Einflussbereiches zu bekämpfen und um Schuldige zur Rechenschaft zu ziehen. Es gilt, diese erprobten Mittel in enger Zusammenarbeit mit andere n Staaten global zu erweitern.

Uns ist es unverständlich, dass Sie in Ihrem Aufruf über den Massenmord an der afghanischen Zivilbevölkerung als Folge des mit den modernsten Waffensystemen geführten Bombenkrieges kein einziges Wort verlieren. Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen gilt nicht nur für Menschen in den Vereinigten Staaten, sondern auch für Menschen in Afghanistan, ja sogar für die Taliban und die Al-Qaeda-Gefangenen auf Guantanamo. Sie beschwören in Ihrem Aufruf die Universalität Ihrer moralischen Maßstäbe, machen diese gleichzeitig aber nur für sich geltend. Durch diesen selektiven Gebrauch stellen Sie gerade deren universale Gültigkeit drastisch in Frage und lassen so  über die Ernsthaftigkeit des eigenen Bekenntnisses größte Zweifel aufkommen. Wie sollen die aus anderen Kulturkreisen diesen moralischen Maßstäben gegenüber vorgebrachten Zweifel ausgeräumt werden können, wenn ausgerechnet die Eliten US-amerikanischer Zivilisation, die sich als Verfechter und Hüter dieser Werte begreifen, den Glauben an die Universalität dieser Werte in Verruf bringen? Müssen nicht andere Nationen und Kulturkreise die Anwendung von zweierlei Maßstäben als Ausdruck einer bis zur Gegenwart andauernden Arroganz und Ignoranz des Westens wahrnehmen?
Auch können wir Ihnen angesichts der erdrückenden Last der historischen Tatsachen nicht folgen, wenn Sie schreiben, Ihr Land habe nur "zu gewissen Zeiten . . . eine fehlgeleitete und ungerechte Politik verfolgt". Die Vereinigten Staaten haben für die Befreiung Europas vom Joch des Nationalsozialismus einen hervorragenden Beitrag geleistet. Als führende Supermacht während der Blockkonfrontation haben sie jedoch auch große Verantwortung für  schwer wiegende Fehlentwicklungen in der Welt auf sich geladen. Durch zahlreiche geheimdienstliche bis direkt militärische Interventionen, so z. B. in Iran, Indonesien, Chile, Guatemala, El Salvador, Nicaragua, im Iran-Irak-Krieg auf der irakischen Seite und an vielen anderen Stellen, haben die Vereinigten Staaten Regime unterstützt, die durch Staatsterrorismus und millionenfachen Mord an Oppositionskräften regierten und Demokratisierungsprozesse verhinderten. Nicht selten fielen frei gewählte Regierungen diesen Interventionen zum Opfer.

Viele der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dieser Stellungnahme hatten gehofft, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion würde eine neue Ära der Abrüstung, der Völkerverständigung, des Dialogs der Kulturen und der Hoffnung für Milliarden von durch Hunger und Krankheit Not leidenden und gedemütigten Menschen beginnen. Wir erwarteten und setzten uns dafür ein, dass die westlichen Industriestaaten nach vier Jahrzehnten des Hasses, der gegenseitigen Bedrohung und des Wettrüstens ihre schöpferischen Potenziale in den Dienst der Überwindung von Armut, Umweltzerstörung und der Entfaltung von Demokratie stellten. Diese Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Die  Vereinigten Staaten konzentrierten vielmehr ihre Fantasie sowie ihre wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Kapazitäten darauf, ihre Position als die einzig verbliebene Supermacht in der Welt zu festigen und eine unipolare Weltordnung zu etablieren. In ihr versuchen sie, weitgehend in eigener Machtvollkommenheit über das Schicksal von Völkern zu entscheiden. Viele Indizien, wie beispielsweise die systematische Errichtung von amerikanischen Militärbasen auf dem Balkan, im Mittleren Osten und in Zentralasien erhärten diese Einschätzung.

In diesem Sinne erscheinen Analysen plausibel, nach denen die Vereinigten Staaten, entgegen offiziellen Verlautbarungen, im Mittleren Osten und in Zentralasien, einschließlich Afghanistan, nicht in erster Linie humanitäre  Ziele verfolgen, den Terrorismus bekämpfen oder der Verbreitung von Massenvernichtungsmitteln vorbeugen wollen, sondern sich vielmehr von geostrategischen Motiven leiten lassen. Durch ihren Zugriff auf die für die Weltwirtschaft existenziellen Ölquellen dieser Region und auf die =D6ltransportrouten erhöhen die Vereinigten Staaten tatsächlich in beträchtlichem Ausmaß ihre geostrategischen Optionen, um ihre Hegemonialposition nicht nur gegen  die angeschlagene Supermacht Russland und die aufsteigende Regionalmacht China, sondern auch gegen Europa und Japan für die nächsten Jahrzehnte zu festigen.

Trotz der Differenzen über derartige Einschätzungen stimmen wir alle darin weitestgehend überein, dass die Konzentration von ungeheuren Machtpotenzialen in einem einzigen Land der Welt und die militärische Fähigkeit, anderen den eigenen Willen aufzwingen zu können, eine wichtige Quelle der Instabilität von grenz- und kulturüberschreitenden Beziehungen ist. Sie ist auch eine Quelle des Ohnmachtsgefühls und der Demütigung für vor allem jene  Menschen geworden, die sich als Opfer dieser Machtungleichheit empfinden. Die Anwesenheit von amerikanischen Soldaten in Reichweite islamischer Heiligtümer in Saudi-Arabien z. B., die von vielen Moslems offensichtlich als ein Stachel im eigenen Fleisch und als Angriff auf die eigene Kultur und das Selbstwertgefühl empfunden wird, symbolisiert die als bedrohlich empfundene Machtungleichheit. Die als ungerecht wahrgenommene eigene Unterlegenheit ruft affektive Enthemmungen hervor und mobilisiert ein ungeheures Reaktionspotenzial bis zur Bereitschaft, auch das eigene Leben durch Selbstmordattentate zu opfern. Derartige Reaktionen als Folge der Instabilität=
  der Machtbalance in der gegenwärtig unipolaren Weltordnung sind nicht kulturspezifisch. Sie könnten in jedem anderen Teil der Welt und zu jedem anderen Zeitpunkt in neuer Form ausgelöst werden. Ein Krieg der Überlegenen gegen die Selbstmordattentate der Unterlegenen ist ein Anachronismus. Er entfesselt Hemmungen und mobilisiert, wie im Israel-Palästina-Konflikt, noch größere Bereitschaft zu terroristischen Anschlägen und terroristischen Militäreinsätzen. Die gegenwärtige Globalisierung, die soziale Ungleichheiten verschärft und kulturelle Differenzierungen zerstört, trägt ihren Teil zu den Instabilitäten und Spannungen bei, die sich in gewaltträchtigen Reaktionen entladen.

Mit Sorge beobachten wir, dass führende Persönlichkeiten aus dem Umfeld Ihres Präsidenten immer offensiver den Europäern totalen Gehorsam gegenüber Amerika abverlangen und erpresserisch jegliche Kritik aus Europa mit Äußerungen wie "Europa braucht Amerika, Amerika braucht aber Europa nicht" im Keim ersticken wollen. Die "uneingeschränkte Solidarität" unserer und manch anderer europäischer Regierungen zu den Vereinigten Staaten und ihre Bereitschaft, den Antiterror-Krieg kritiklos mitzutragen, wird hier von vielen Menschen als Entmündigung und Schwäche empfunden. Die politische Klasse in Europa hat offensichtlich nicht begriffen, dass sie mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber der übermächtigen und einzigen Supermacht nicht nur eine perspektivlose Politik macht, sondern auch noch für die Agitation rechtsradikaler Kräfte ein günstiges Klima erzeugt. Zu unserem eigenen Bedauern  haben Regierungen der EU-Staaten bisher auch versäumt, eine eigenständige EU-europäische Außen-, Sicherheits- und Friedenspolitik für den Nahen und Mittleren Osten sowie für Zentralasien und für ihre Beziehungen zur isla mischen Welt zu entwickeln, die auf Kooperation, auf Unteilbarkeit der Menschenwürde und der Menschenrechte beruht. Ja, es ist sogar zu befürchten, dass sie auf Grund ihrer Konzeptionslosigkeit und trotz ihrer Kritik letz tlich auch bereit sein könnten, einen amerikanischen Krieg gegen Irak moralisch zu legitimieren oder gar aktiv mitzutragen.

Als Besorgnis erregend empfinden viele von uns den wachsenden Einfluss fundamentalistischer Kräfte in den Vereinigten Staaten auf die politische Elite Ihres Landes, der unverkennbar auch vor dem Weißen Haus nicht Halt mac ht. Die Aufteilung der Welt in Gut und Böse, die Stigmatisierung ganzer Staaten samt ihrer Bevölkerungen ist dazu geeignet, rassistischen, nationalistischen und religiösen Fanatismus zu schüren, die Menschen ihrer Fähigkeit zu differenzierter Wahrnehmung der lebendigen Wirklichkeit und der Einsicht zu berauben, dass Andersartigkeit und kulturelle Vielfalt kein Unglück, sondern einen Segen für alle darstellen und dass das Wohlergehen auch  der Mächtigsten dieser Erde auf Dauer davon abhängt, die Welt als ein Ganzes zu sehen, deren Reichtum und Schönheit in den Unterschieden besteht. Fundamentalismus beginnt damit, die eigene Kultur als die einzig wahre, einzig gute und schöne zu erklären. Fundamentalistische Reaktionen auf reale Konflikte unserer Welt verschließen unsere Augen vor zivilen und gewaltfreien Lösungen dieser Konflikte und setzen die Eskalation zwischen Terrorismus und Krieg erst recht in Gang.

Mit Bestürzung haben wir von unseren amerikanischen Freunden und Kolleginnen auch vernommen, dass Gelehrte und Journalisten unter Druck gesetzt und als Verräter denunziert werden, wenn sie den Kriegskurs ihrer Regierung kritisch betrachten oder ablehnen. Sorgen Sie dafür, dass der Meinungspluralismus in Ihrem Land nicht unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung beeinträchtigt wird. Helfen Sie mit, dem Vormarsch des fundamentalistischen  Geistes in den Vereinigten Staaten Einhalt zu gebieten. Die amerikanischen Werte, auf die Sie sich mit Stolz beziehen, stehen auf dem Prüfstand.

Zur Bekämpfung der terroristischen Selbstmordattentate gibt es sicherlich verschiedene Wege. Unsere Meinungen gehen darüber auseinander. Wir alle sind jedoch zutiefst davon überzeugt, dass die Achtung der Menschenwürde eine Grundvoraussetzung für alle Lösungswege darstellt. Nur wenn weltweit und bei den ökonomisch und militärisch schwächeren Nationen und Kulturkreisen die Auffassung einkehrt, dass der Westen als der ökonomisch und militärisch mächtigste Kulturkreis es mit der Universalität der Menschenwürde ernst meint, dass diese nicht eine bloße Floskel ist, von der je nach Bedarf Gebrauch gemacht wird, nur dann erhöht sich die Chance, dass terroristisc he Selbstmordattentate nicht die beabsichtigte Resonanz erfahren, sondern in allen Ländern auf vehemente Ablehnung stoßen. Erst wenn die Schwächeren dieser Welt sich in der Auffassung sicher wissen, dass kein auch noch so  mächtiger Staat ihre Würde verletzen, sie demütigen und ihre Lebensbedingungen willkürlich beeinträchtigen wird, erst dann schöpfen diese Menschen Kraft und Bereitschaft, ihre Augen und Herzen für die moralischen Werte a nderer Kulturen zu öffnen. Erst dann sind auch die Voraussetzungen dafür gegeben, dass ein echter Dialog zwischen den Kulturen in Gang kommt.

Wir brauchen moralisch begründete, weltweit akzeptable und allseits geachtete gemeinsame Spielregeln im Zusammenleben der Menschen, welche die Kooperation anstelle von Konfrontation in den Vordergrund rücken und den durch  die beschleunigte Veränderung der Lebenswelt und die ständig  wachsenden Gewaltpotenziale erzeugten Bedrohungsängsten  sowie den daraus resultierenden Sicherheitsbedürfnissen der  Menschen den Boden entziehen. Damit eröffnen sich  Möglichkeiten, die vornehmlich auf wirtschaftliche Belange  orientierte Globalisierung gerechter zu gestalten, die weltweite  Armut wirksam anzugehen, gemeinsam die globalen Umweltrisiken  zu entschärfen, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu meistern und  eine Weltkultur zu schaffen, die nicht in einer, sondern in sehr  vielen Sprachen reden kann.

Wir rufen Sie auf, über diese und andere Perspektiven für unser  aller Zukunft mit uns und mit den Intellektuellen aus anderen Teilen  der Welt in einen offenen Dialog einzutreten.