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Friedensforum
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Nationalmythos Dschenin
Wie Israels Premier Ariel Scharon Grundlagen für den Staat der  Palästinenser legt

Uri Avnery (israelische Friedensbewegung)

Vor 105 Jahren, am Tag nach dem ersten Zionistenkongreß in  Basel, schrieb Theodor Herzl in sein Tagebuch: ³In Basel habe ich  den Staat der Juden gegründet.ã Diese Woche sollte Ariel Scharon  in sein Tagebuch schreiben: ³In Dschenin habe ich den Staat der  Palästinenser gegründet.ã

Natürlich wollte er das nicht. Ganz im Gegenteil, seine Absicht  war, die palästinensische Nation, ihre Institutionen und ihre  Führung ein für alle Mal zu zerschlagen, nur noch  Menschenschrott übrig zu lassen, über den man überall würde  verfügen können.

Tatsächlich ist etwas ganz anderes geschehen. Die  palästinensische Nation, konfrontiert mit dem Ansturm der größten  Militärmaschinerie der Region und den modernsten Waffen der  Welt, in einem Meer des Leidens, umgeben von Leichen, hat sich  aufgerichtet wie nie zuvor.

In dem kleinen Flüchtlingslager bei Dschenin versammelte sich  eine Gruppe von Palästinensern aus allen Organisationen zu einer  Abwehrschlacht, der ihr Platz in den Herzen der Araber für immer  gesichert ist. Dies ist das palästinensische Massada - so hat es  ein israelischer Offizier genannt und damit angespielt auf den  legendären Ort der Überreste des großen jüdischen Aufstands  gegen Rom im Jahre 71 n. Chr.

Wenn die internationalen Medien sich nicht mehr draußen halten  lassen und die Schreckensbilder veröffentlicht sind, werden sich  wohl zwei Sichten herausschälen: Dschenin als die Geschichte  eines Massakers, ein zweites Sabra und Schatila - und Dschenin,  das palästinensische Stalingrad, eine Geschichte unsterblichen  Heldentums. Die zweite wird mit Sicherheit überwiegen.

Nationen sind auf Mythen gebaut. Ich wurde großgezogen mit den  Mythen von Massada und Tel-Chai, sie formten das Bewußtsein  der neuen hebräischen Nation. (In Tel-Chai wurde 1920 eine  Gruppe jüdischer Verteidiger, geführt von dem einarmigen Helden  Josef Trumpeldor, bei einem Zusammenstoß mit antifranzösischen  syrischen Kämpfern getötet.) Die Mythen von Dschenin und Arafats  belagertem Sitz in Ramallah werden das Bewußtsein der neuen  palästinensischen Nation prägen.

Ein primitiver Militärroboter, der alles unter dem Aspekt von  Feuerkraft und Body-counts betrachtet, wird das nicht verstehen  können. Aber Napoleon, ein militärisches Genie, sagte, daß im  Krieg Dinge der Moral drei Viertel ausmachen, das jeweilige  Kräfteverhältnis nur das letzte Viertel.

Wie stellt sich Scharons Krieg aus dieser Sicht dar? Was die  Kräfte angeht, ist die Sache klar. Ein paar Dutzend tote Israelis,  viele hundert tote Palästinenser. Keine Zerstörungen in Israel,  schrecklich zerstörte palästinensische Städte.

Das Ziel war, so wurde behauptet, ³die terroristische Infrastruktur  zu zerschlagenã. Der Begriff selbst schon ist unsinnig: die  ³terroristische Infrastrukturã lebt in den Seelen von Millionen  Palästinensern und zig Millionen Arabern, deren Herzen vor Wut  rasen. Je mehr Kämpfer und Selbstmordattentäter getötet werden,  umso mehr Kämpfer und Selbstmordattentäter werden an ihre  Stelle treten. Wir haben die ³Sprengstoff-Fabrikenã zu sehen  bekommen - ein paar Säcke von Material, das man in israelischen  Läden kaufen kann. Die israelische Armee ist stolz, einige Handvoll  entdeckt zu haben. Es wird bald Hunderte von neuen geben.

Wenn Dutzende Verwundeter in den Straßen liegen und langsam  verbluten, weil die Armee auf jede Ambulanz schießt, die sich  bewegt, erzeugt das schrecklichen Haß. Wenn die Armee  Hunderte getöteter Männer, Frauen und Kinder heimlich verscharrt,  erzeugt das schrecklichen Haß. Wenn Panzer Autos  niederwalzen, Häuser zerstören, Leitungsmasten umstürzen,  Wasserrohre aufreißen und so Tausende von Menschen obdachlos  machen und Kinder zwingen, ihren Durst aus Straßenpfützen zu  stillen - führt das zu schrecklichem Haß.

Palästinensische Kinder, die all dies mit eigenen Augen sehen,  werden die Selbstmordattentäter von morgen sein. So schaffen  Scharon und Mofaz die terroristische Infrastruktur.

Die Fundamente der palästinensischen Nation und des  palästinensischen Staates haben sie bereits gelegt. Die Menschen  haben ihre Kämpfer in Dschenin gesehen und halten sie für weit  größere Helden als die israelischen Soldaten, die geschützt in  ihren schweren Panzern hocken. Sie haben ihren Führer Arafat in  der historischen Fernsehsequenz gesehen, das Gesicht erhellt von  einer einzigen Kerze in seinem dunklen, belagerten Büro - und  vergleichen ihn mit den wohlgenährten israelischen Ministern, die in  ihren Büros weit hinter der Kampffront sitzen, umgeben von ganzen  Horden von Bodyguards. So wird Nationalstolz erzeugt.

Dieses Abenteuer wird, wie alle früheren Abenteuer Scharons,  Israel nichts Gutes bringen. Die Anlage der Operation war stupid,  ihre Umsetzung grausam, ihre Ergebnisse werden katastrophal  sein. Sie wird weder Frieden noch Sicherheit bringen, kein einziges  Problem lösen, aber sie wird Israel isolieren und die Juden in aller  Welt gefährden.

Am Ende wird nur eines in Erinnerung bleiben: Unsere gigantische  Militärmaschinerie hat das kleine palästinensische Volk überfallen,  und das kleine palästinensische Volk und sein Führer haben  standgehalten. In den Augen der Palästinenser, und nicht nur in  ihren, wird daraus ein ungeheurer Sieg, der Sieg eines modernen  David gegen Goliath.

(Übersetzt von Hermann Kopp)

junge Welt vom 18.4.2002