Wittener
Friedensforum
zur Hauptseite
 

 Zwangsjacke ablegen
Von Mohssen Massarrat*

Die von vielen Kommentatoren und Experten herausgearbeiteten  objektiven Ursachen des Terrorismus rechtfertigen weder moralisch  noch politisch terroristisches Handeln. Die Verantwortlichen für den  terroristischen Angriff auf die USA gehören ohne Wenn und Aber  vor einem internationalen Gericht zur Rechenschaft gezogen.  Dieses Ziel darf allerdings nur mit nichtmilitärischen Mitteln verfolgt  werden.
Ein Krieg gegen die Taleban mit Hilfe Pakistans könnte  einen Flächenbrand auslösen, der den ohnehin brüchigen  pakistanischen Staat weiter destabilisieren, die auch dort  existierenden Fundamentalisten stärken und viele andere Staaten,  insbesondere Saudi-Arabien erfassen könnte. Ein durch die USA  bzw. die NATO unterstützter Krieg der afghanischen Nordallianz,  als Bodentruppe der US-Luftwaffe gegen die Taleban, dürfte den  über eineinhalb Jahrzehnte andauernden innerafghanischen  Bürgerkrieg nur noch verlängern und der geschundenen  Zivilbevölkerung weitere Opfer hinzufügen.

Was aber, wenn man so  der Täter nicht habhaft werden könnte? Sollten wir dann  zuschauen, wie die Terroristen ungestraft und in Ruhe weitere  Anschläge planen? Gerechtigkeit durch Strafe ist sicherlich  wichtig. Viel wichtiger ist jedoch, auf welche Weise die moralische  Legitimation des internationalen Terrorismus am schnellsten, am  wirksamsten und ohne Schaden für die Zivilbevölkerung erschüttert  und dessen harter Kern isoliert werden kann. Dieses übergeordnete  Ziel kann, so unwahrscheinlich es auf den ersten Blick erscheinen  mag, am besten durch den freiwilligen Verzicht auf Krieg und durch  die moralische Begründung dieses Verzichts mit Respekt vor dem  Leben der Zivilbevölkerung, mit Verweis auf die Unteilbarkeit der  Menschenwürde und mit Trauer um die Opfer der Gewalt erreicht  werden. Das mag zunächst den harten Kern der Terroristen  unbeeindruckt lassen, von diesen gar als Schwäche des Westens  aufgefasst und auch als Sieg gefeiert werden.

Wie aber würden die  antiwestlich eingestellten Milliarden von Menschen in der  islamischen Welt und in der Dritten Welt insgesamt, aus deren  Mitte gegenwärtig die nächsten Terroristengenerationen im Begriff  sind hervorzugehen, auf diese Friedensbotschaft der Amerikaner  und des Westens reagieren? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass  sie dieser Botschaft Respekt zollen und daraus auch für ihre  eigene Zukunft Hoffnung schöpfen würden. Damit erschiene  weltweit eine neuartige moralische Koalition gegen den Terrorismus  und die Gewalt als eine nachhaltig wirkende, und - im Gegensatz  zu einer Koalition von halbherzig die Kriegsstrategie der USA  mittragenden Regierungen - unvergleichbar stärkere Alternative, die  Milliarden Menschen mit Herz und Seele mittragen könnten. Die  Friedensbotschaft dürfte selbst beim harten terroristischen Kern  ihre Wirkung nicht verfehlen, das antiwestliche Feindbild würde  anfangen zu bröckeln, Selbstzweifel und eine Abkehr vom  Terrorismus dürften auch bei ihnen nicht ausbleiben.

Somit lautete  die zentrale politische Frage: Ist die US-Regierung, sind die NATO- Staaten selbst wirklich zivilisiert und verfügen sie über die  moralisch-zivilisatorische Größe und Fähigkeit für diese  richtungsweisende Friedensbotschaft? Mittel- und langfristig  müsste dieses erste Signal allerdings mit umfassenden Reformen  der Weltwirtschaft untermauert werden. Den egoistischen und  offenbar unter Realitätsverlust leidenden reichen Eliten der Welt  wäre begreiflich zu machen, dass die Beibehaltung ihres  Lebensstils und der globalen Ungerechtigkeiten nicht nur  ökologische, sondern auch soziale und politische Katastrophen  heraufbeschwört, und dass im eigenen Interesse eine Wende in  den globalen Beziehungen auf der politischen Agenda steht. Die  USA und andere Großmächte müssten umgehend ihre  Destabilisierungs- und Konflikteskalationspolitik in der ganzen Welt  aufgeben, die israelische Besetzung Palästinas muss beendet und  ein dauerhafter Frieden im Nahen Osten hergestellt werden.  Langfristig müsste die Globalisierung im Sinne des Abbaus der  ungerechten Reichtums- und Machtverteilung in der Welt unter  Beteiligung der Zivilgesellschaft reguliert und gestaltet werden.

Dabei fällt Europa eine historische Vorreiterrolle zu, die allerdings  voraussetzt, sich nicht länger hinter der Nah- und Mittelostpolitik  der USA zu verstecken. Reformkräfte in Europa müssten erkennen,  dass ein dauerhafter Frieden im Nahen und Mittleren Osten, eine  nachhaltige Energieversorgung Europas, die bisher durch die USA  torpedierte Klimapolitik und europäische Nahost-, Außen- und  Friedenspolitik miteinander in einem inneren Zusammenhang  stehen, und dass sie - um aus dieser Erkenntnis für Europa eine  selbständige Handlungsperspektive zu entwickeln - zuallererst die  US-amerikanische Zwangsjacke abzulegen hätten.

* Der Professor für Politikwissenschaft lehrt an der Universität Osnabrück Friedens- und Konfliktforschung (ND 29.09.01)